Programm 2018

„Mein Körper ist das genaue Gegenteil einer Utopie, er ist niemals unter einem anderen Himmel, er ist der absolute Ort, das kleine Stück Raum, mit dem ich buchstäblich eins bin.“ (Michel Foucault, Die Heterotopien. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005, S. 25)

“Anxieties about social status, terrorism, or the effects of globalization are being linked to high-key images of success, health, and beauty-all in order to produce subjects that integrate the virtues of „flexibility,“ „mobility,“ „responsibility,“ „fitness,“ „attractiveness,“ or „emotional intelligence“ within a constant performance of the self. Anything that could today count as an interesting aesthetic reaction to social relationships within a global media and consumer landscape must examine this performative condition.“ (Tom Holert, performing the system, Artforum Oktober 2004)

Im Jahresprogramm 2018 befragen wir unter dem Titel „Performing the system“ im Kunstverein den Zusammenhang von Politik und Individuum, von Macht und Staatsgewalt, von Digitalität und Körpern. Dabei geraten politische, ökonomische und soziale Spannungsverhältnisse in den Blick: Terror und Überwachung, das Entstehen autoritärer Strukturen und Regime, die Digitalisierung aller Lebensbereiche, die damit einher gehende Kontrolle, Selbstüberwachung und Selbstoptimierung, aber auch die gleichzeitig entstehenden Möglichkeiten von Widerstand und Subversion.

In seinem Aufsatz Performing the System beschreibt Tom Holert das Vermögen von Künstler_innen, sich in einem bestehenden System widerständig zu bewegen. Das System kann dabei als Beziehungsgeflecht von Politik, Macht und Körpern in einem als postdigital, postfaktisch oder nachdemokratisch adressierten Zeitalter beschrieben werden. Wie handeln Künstler_innen heute innerhalb dieser Spannungsverhältnisse? Welche alternativen Weisen des Handelns bestehen überhaupt in einem System, in dem wir uns in erster Linie immerfort selbst produzieren?

»Performing the System« in unserem Sinne meint, ein System zu generieren, indem man es mit konstituiert, eben performt. Zugleich versteht sich das Performen aber auch als ein Mittel, dieses System, seine (Selbst-)Überwachungsstrukturen und Kontroll-Szenarien, etwa durch abweichendes Verhalten herauszufordern und auszutesten. Mit den analysierenden wie imaginativen Mitteln der Kunst sollen (Handlungs-)Spielräume veranschaulicht und Strategien der Adaption, Subversion und Infiltration als aktive Eingriffe erprobt werden.

Immer wieder wird dabei der menschliche Körper in den Blick geraten. Es geht um physische, organische, politische, soziale, migrantische, bedrohte, erotische und ökonomische Körper. Um den Körper als widerständiges Gegenmodell zu, aber auch als Ausgangs- und Fixpunkt für Virtualisierungs – und Digitalisierungsprozesse, als Objekt von Begehren, von Diskriminierung, algorithmischer Handlungsmacht und (Selbst-)Überwachung, als Ort von Zu- und Festschreibungen. Auswirkungen des Politischen sollen gleichsam am eigenen Leib und an den Körpern der Anderen sichtbar werden.

Das Jahresprogramm 2018 widmet sich Künstler_innen und Projekten, die singuläre und kollektive, menschliche Körper und Staatskörper in Bewegung setzen, aktivieren und dadurch zur Verhandlung stellen.

In der Gruppenausstellung »performing the system« stellen sich Fragen nach Überwachung und Kontrolle von Leib- wie Daten-Körpern in einer digitalisierten Gesellschaft. Die spezifische Beweglichkeit in Computerspielen wird dabei ebenso in den Blick genommen wie Reflexe, mit denen Menschen auf Umwelteinflüsse reagieren. Wir avisieren eine Ausstellungsform, in der im Laufe des Gruppenausstellungs-Projekts immer wieder neue Werkkonstellationen aufgebaut werden, womit auch das Ausstellungsmachen selbst thematisiert wird.

Der gemeinsam mit dem Vermittlungsteam realisierte Bau einer Bühne für den Kunstverein im Außenbereich des Kehrwiederturms dient als Einladung zur Aktion und zur Mobilisierung lokaler Öffentlichkeiten genutzt werden.

Im Rahmen des Thementags (de)coding bodies ließen wir weitere Stimmen zu Wort kommen. Mit einem Fokus auf feministische, queere und trans(disziplinäre) Perspektiven entsteht ein Forum für Austausch, wissenschaftliche Vernetzung und künstlerische Forschung mit Formaten wie Lecture-Performances und installativen Vorträgen geöffnet.

In Kooperation mit dem Kellerkino widmete sich ein eigenständiges Filmprogramm im Sommer politischen Bewegungen und leitet damit zum studentischen Projekt »Bewegungen« über, das im Juni zu Gast im Kunstverein war. Dieses beschäftigt sich u.a. mit künstlerischen Strategien in politischen Bewegungen.

Mit ihren Ausstellungen »Der Berg oder wer um wen weint und wer davon nass wird« und »Ausufern« bricht Aliénor Dauchez im Herbst 2018 sinnbildlich in die Berge auf und Objekte und Performances zeigen, die die Grenzen des Körpers ausreizen.

Die Vermittlungsausstellung, die zu Jahresbeginn 2019 die Ergebnisse des Vermittlungsprogramms präsentiert, beschließt das Jahresprogramm.

Der Anspruch inhaltlicher Heterogenität und formaler Diversität der ersten Hälfte des Programmjahres 2018 spiegelt sich ganz bewusst in der Struktur des Teams, das aus Nora Brünger, Luzi Gross und Torsten Scheid besteht und in dem verschiedene Wissensvorräte und Sprachen aufeinandertreffen. 2018 gehen wir mit einem künstlerischen Leitungsteam außerdem ins dritte Jahr der Neuen Agenda, die der Kunstverein 2016 begann und die das Programm des Kunstvereins auf unterschiedlichen Ebenen mit der Universität Hildesheim, dem Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft, aber auch dem Zentrum für Geschlechterforschung und dem Herder-Kolleg verknüpft.