Thementag (de)coding bodies

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Rosa Menkman: Lena, Jennifer and the Angel of History. Proposing a test card for color de-calibration.

In welchem Verhältnis zum Digitalen steht der (menschliche) Körper? Wie sieht Körperpolitik im digitalen Raum aus? Wie werden Körper gedacht und dargestellt? Mit dem Thementag (de)coding bodies wollen wir Fragestellungen bearbeiten, die im Zusammenhang mit der Ausstellung performing the system (im Kunstverein Hildesheim vom 19.4. – 24.6.2018) und den darin gezeigten künstlerischen Arbeiten auftauchen. Dabei wird eine gemeinsame theoretisch-praktische Auseinandersetzung mit den Themen der Ausstellung, aber auch mit neuen Inhalten, die an die Arbeiten anknüpfen, ermöglicht.

Die Beiträge verschiedener Akteur*innen aus Kunst und Wissenschaft drehen sich um Themen, die sich aus dem Zusammendenken von Körpern und Digitalität ergeben.

So wird untersucht, welchen Effekt die Nutzung von Virtual Reality Brillen auf den physischen Körper hat und welche Konflikte und Potenziale sich daraus ergeben.

In einem Flüsterkino wird eine Stimme hörbar werden, die irgendwo zwischen Realität und technischer Imitation, Peep Show und Beichtstuhl oszilliert. Wie Algorithmen auf Körper ‘blicken’ und wie unsere Körperbilder davon beeinflusst werden, wird in einem Kurzworkshop beforscht. Ein gemeinsamer Spaziergang wird das Laufen in den Blick nehmen, als Modus, in dem Körper transformiert und (um-)sortiert werden können. Künstlerisch beforscht wird außerdem die Möglichkeit, KIs zu generieren, die sowohl in der digitalen als auch in der physischen Welt Vorbilder haben – hier ist das Vorbild die Pop-Band t.A.t.U. – und zum kommunikativen Gegenüber werden können. Den Abschluss wird ein Vortrag über die politischen und sozialen Implikationen (Biases) digitaler Codes und Algorithmen bilden.

Außerdem werden wir am Thementag eine Bühne vor dem Kunstverein eröffnen, die einen neuen Raum zur Versammlung bietet und künstlerische Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit, gewissermaßen auf die Straße holt.

Programm

12.00 – 12.30 Uhr
Nora Brünger & Luzi Gross: Begrüßung, Beginn des Thementags

12.30 – 13.30 Uhr  
Sabine Mertel & Reingard Schusser: Laufen und Wandern als Dekonstruktion des aktuellen Corpus
(Input/Spaziergang)

13.30 – 14.30 Uhr   
Eröffnung der Bühne, Snacks & Drinks

14.30 – 15.15 Uhr 
Annika Larsson und Isabel Gatzke: Nonknowledge, Laughter and the Moving Image
(Video/Input/Gespräch)

15.15 – 16.00 Uhr  
Ira Konyukhova: Pop-Cyborgs or They not gonna get us
(Vortrag/Gespräch)

16.00 – 17.00 Uhr   
Julia Wirsching: Whispering cinema / Das Flüsterkino
(1:1-Performance)

Kaffee-Pause

17.00 – 18.00 Uhr   
Jasmin Schädler: The algorithmic gaze
(Input/Workshop)

18.00 – 19.00 Uhr   
Rosa Menkman: Lena, Jennifer and the Angel of History. Proposing a test card for color-decalibration
(Vortrag in engl. Sprache)

19.00 – 20.00 Uhr   
Gemeinsames Abendessen

Detaillierte Informationen allen Beiträgen:

12.30 – 13.30 Uhr
Sabine Mertel & Reingard Schusser:
Laufen und Wandern als Dekonstruktion des aktuellen Corpus

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Reingard Schusser: Wald

Dekonstruktion des Körpers als Akt der Selbstbemächtigung – sich zerlegen, in alle Körpereinzelteile, um durch die Zerlegung zentrisch zu werden, Körperzellen und Sinnesmodalitäten, die durch einen Akt der Überbeanspruchung und Über- oder Durchflutung separiert werden, als Leibesinseln spürbar. Ineinander-Verwoben-Sein von Destruktion und Konstruktion – Wer läuft oder wandert (oder anderes Verwandtes mit dem je eigenen Corpus tut), löst vorher vorherrschende Zustände – seien es jene, die im Körper bemerkt werden, wie ein verspannter Rücken, oder jene, die irgendwo anders verortbar sind, und mit dem (zu) star-r/k Verankert-Sein in eine aktuelle Problemlage oder einen Kummer einhergehen – auf, zerschlägt und zersplittert sie. Was vorher war, ist noch vorhanden, allerdings in einem Zustand Post-Formverlust, wie Bruchstücke oder Fragmente schweben oder mäandern die unter-brochenen Weisen des eigenen So-Seins in einer Passage – wer läuft, pausiert in einem Zwischenraum, der eigenkörperlich und fremdweltlich zugleich ist, in beidem jedoch nicht Teil von Vorher oder Nachher, jedoch mit beidem verbunden.

Seit Jahren beschäftigen sich Sabine Mertel & Reingard Schusser je einzeln mit den Wirkweisen von unterschiedlichem In-Bewegung-Sein auf den Corpus. Prof. Dr. Sabine Mertel ist Professorin für Empirische Sozialforschung & Weiterbildung Multimodale Lauftherapie (MML) an der HAWK Hildesheim, Denkerin von biographischen und anderen Verläufen und deren möglichen/vitalen Modifikationen. Reingard Schusser ist Psychologin an der HAWK Hildesheim, mit philosophisch-betrachtendem, fluide-existentiellem Feld- und Weltzugang.

13.30 – 14.30 Uhr
Eröffnung der Bühne

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Eine Bühne für den Kunstverein, Unterkonstruktion

Gemeinsam mit Hildesheimer Bürger*innen wurde in einer 3-tägigen Bauaktion eine Bühne gebaut und so ein Ort der Begegnung im öffentlichen Raum vor dem Kehrwiederturm geschaffen. Anlässlich des Jahresprogramms und der Ausstellung performing the system realisierte das Team des Kunstvereins Hildesheim in Zusammenarbeit mit der Fachschule für Holztechnik und Gestaltung den Bau der Bühne. Das Projekt interessiert sich dafür, wie Körper in Bewegung gebracht werden und sich im öffentlichen Raum begegnen.

14.30 – 15.15 Uhr
Annika Larsson & Isabel Gatzke:
Nonknowledge, Laughter and the Moving Image

Videostill from The Discourse of the Drinkers, Annika Larsson 2017
Annika Larsson und Isabel Gatzke:
Nonknowledge, Laughter and the Moving Image

Das künstlerisch-wissenschaftliche Forschungsprojekt Nonknowledge, Laughter and the Moving Image unter der Leitung von Professorin Annika Larsson an der HfBK Hamburg bewegt sich im Feld der image-based Research und untersucht das subversive Potenzial von Bewegtbildern und dem Motiv des lachenden Körpers. Dabei wird Lachen als eine transgressive Kraft verstanden, die das Potenzial für alternative Denk- und Ordnungssysteme birgt. Der erste Teil des Projekts beschäftigt sich mit dem tatsächlichen physischen Körper während der Benutzung von Virtual Reality Brillen. In diesem liminalen Zustand eröffnet sich ein Raum der Uneinigkeit mit dem eigenen Körper – dieser ist visuell nicht wahrnehmbar, reagiert aber trotzdem mit Affekten auf die Reize und Eindrücke in der Virtual Reality. Welche Konflikte ergeben sich daraus? Ist der Körper schon bereit für die Bilder, die er sieht? Welche Gesten entwickeln sich aus der Nutzung von VR Brillen, die das Potenzial haben ikonisch für unsere Zeit zu werden?

Annika Larsson ist Professorin für Zeitbasierte Medien an der HFBK Hamburg und Researcher am Royal Institute of Art in Stockholm. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich hauptsächlich mit den Potenzialen von Bewegtbildern. Ihre Videoarbeiten und Installationen wurden u.a. im ZKM Karlsruhe, im Hamburger Bahnhof, Berlin und auf der 49. Venedig Biennale gezeigt.

Isabel Gatzke studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit Schwerpunkt Theater in Hildesheim und arbeitet meist als Dramaturgin im Bereich Tanz und Theater. 2016 arbeitete sie das erste Mal mit Annika Larsson zusammen für den Film »The Discourse of the Drinkers« und forscht nun mit ihr für das Projekt »Nonknowledge, Laughter and the Moving Image«. Isabel studiert Art in Context (M.A.) an der Universität der Künste in Berlin und beschäftigt sich dort mit transdisziplinären Möglichkeiten kollaborativer Praxis.

15.15 – 16.00 Uhr
Ira Konyukhova:
Pop-Cyborgs or They not gonna get us

Ira Konyukhova_Video Still "All The Things She Said", Lena Katina's und Julia Volkova's Hände
Ira Konyukhova: Video Still aus einer der ersten Aufführungen des Songs „All The Things She Said“, Lena Katina’s und Julia Volkova’s Hände, found footage, 2018

Ira Konyukhova wird die Ergebnisse ihrer künstlerischen Recherche zu Interferenz der Pop-Musik, Politik und technologischen Identitäten darlegen. Ausgehend von der Band t.A.t.U. stellte sie sich Fragen nach der Wahrhaftigkeit von Identitäten und Körpern in einer vermehrt technokratischen Umgebung. In ihrem Projekt versuchen 3d-Figuren ihre eigene Identität zu entdecken, die immer wieder an falsch abgespeicherte und festgeschriebene Informationen geraten und dementsprechende Gefühle und Gedanken zu simulieren beginnen.

Ira Konyukhova (*1984 in Tver, UdSSR) studierte Mathematik und Physik in Moskau, freie Kunst in Mainz und schließlich Medienkunst an der HfG Karlsruhe. Sie arbeitet multimedial und benutzt in ihren oft raumgreifenden Installationen Video, Skulptur und Sound. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftspolitischen Themen wie der stetig wachsenden Symbiose zwischen Mensch und Maschine und mit Ersatz-Technologien für Bereiche, die traditionell dem Alltäglichen und Transzendentalen angehörten. Ihre Filme, Sound-Arbeiten und Installationen wurden unter anderem auf dem DocLisboa Film Festival, im Heylshof Museum und der Athens Biennale gezeigt. Zur Zeit ist Ira Konyukhova Stipendiatin des Residenzprogramms BS Projects in Braunschweig.

16.00 – 17.00 Uhr
Julia Wirsching:
Das Flüsterkino

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Julia Wirsching:The Whisper Cinema, Installationsansicht, Zaz-Festival, Tel Aviv, 2017

Das Flüsterkino ist eine Einladung, sich in ein Setting zwischen Realität und technischer Imitation zu begeben. Indem die Besucher*innen ihren Kopf unter den Stoff stecken, werden sie in eine ambivalente Situation involviert, die sich irgendwo zwischen Beichtstuhl und Piepshow bewegt. Unter dem Stoff ist eine Stimme zu hören, die sie in eine teils fiktionale, teils reale Gesprächssituation verwickelt.

Julia Wirsching studierte Bildende Kunst, Musik und Philosophie in Stuttgart und Tel Aviv. Ihre künstlerische Praxis umfasst Performances, Videos und Installationen. Zu sehen waren ihre letzten Arbeiten im Performanceprogramm des Zaz Festival Tel Aviv und der Manifesta 11 in Zürich, im Württembergischen Kunstverein, im Theaterhaus Stuttgart, im Art Cube – Artist Studios Jerusalem und in der Cité Internationale des Arts Paris.

17.00 – 18.00 Uhr
Jasmin Schädler:
The algorithmic gaze

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Jasmin Schädler: Screenshot aus dem Suchprozess “The algorithmic gaze“, 2018

The algorithmic gaze ist ein performatives Rechercheprojekt, das untersucht, wie Computer Vision (also das “Sehvermögen” von Computern) sich auf die Wahrnehmung unserer Körperbilder auswirkt. Das Projekt setzt einen Fokus auf den persönlichen, politischen, technologischen und mythologischen Blick und lädt dazu ein, darüber zu reflektieren – und in einem nächsten Schritt auch zu beeinflussen – wie wir uns selbst sehen.

Jasmin Schädler ist Performance- und Installationskünstlerin und lebt und arbeitet derzeit in Stuttgart. Ihre künstlerische Herangehensweise kann als etymologisch beschrieben werden: sie kreiert eigene Narrative und Spekulationen, gleichzeitig fordert sie gängige Erzählungen heraus. Sie studierte Physik und Kulturwissenschaften in Bremen sowie Theaterregie bei Christof Nel an der Academy for Performing Arts Baden-Württemberg. Sie ist Mitbegründerin des Performancekollektivs „die apokalyptischen tänzer*innen“ und Teil des cobratheater.cobra-Netzwerks. 2016/17 war sie Stipendiatin auf Schloss Solitude, aktuell studiert sie im Master am Dutch Art Institute.

18.00 – 19.00 Uhr
Rosa Menkman:
Lena, Jennifer and the Angel of History. Proposing a test card for color-decalibration

Rosa Menkman Lena JPG Söderberg Jennifer in Paradise and the Angel of History
Rosa Menkman: Lena JPG Söderberg, Jennifer in Paradise and the Angel of History.

While digital photography seems to reduce the effort of taking an image of the face, such as a selfie or a portrait, to a straightforward act of clicking, these photos, stored and created inside (digital) imaging technologies do not just take and save an image of the face. In reality, a large set of biased – gendered and even racist – protocols intervene in the processes of saving the face to memory. What gets resolved, and what gets lost during the process of resolving the image is often unclear.
To uncover and get a better insight into the processes behind the biased protocols that make up these standard settings, we need to come back to asking certain basic questions: who gets decide the hegemonic conventions that resolve the image? And why and how do these standards come into being? Through an examination of the history of the color test card, I aim to provide some answers to these issues.

Rosa Menkman is a Dutch artist, curator and researcher. In 2011 Menkman wrote the Glitch Moment/um, a little book on the exploitation and popularization of glitch artifacts (published by the Institute of Network Cultures), co-facilitated the GLI.TC/H festivals in both Chicago and Amsterdam and curated the Aesthetics symposium of Transmediale 2012. Since 2012 Menkman has been curating exhibitions that intend to illuminate the different ecologies of glitch (filtering failure, glitch genealogies, glitch moment/ums and Tactical ᴳlitches – the latter one together w/ Nick Briz). In 2015 Menkman started the institutions for Resolution Disputes [iRD], during her solo show at Transfer Gallery New York. The iRD are institutions dedicated to researching the interests of anti-utopic, lost and unseen or simply „too good to be implemented“ resolutions. She is now working on the release of her next book, Beyond Resolution.

Dokumentation

 

Die Ausstellung und das Programm zu »performing the system« werden gefördert vom Land Niedersachsen, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Sparkasse Hildesheim Goslar Peine, der Friedrich Weinhagen Stiftung, der Stadt Hildesheim und der Universität Hildesheim.

Der Thementag findet in Kooperation mit dem Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Hildesheim statt.

Das Vermittlungsprogramm und die Bühne werden durch das Land Niedersachsen und die VGH-Stiftung gefördert.